Die Kinderlähmung galt in vielen Teilen der Welt als nahezu ausgerottet. Doch 2022 wurden im US-Bundesstaat New York ein bestätigter Fall von Poliomyelitis sowie Virusnachweise im Abwasser gemeldet. Auch in London wurden Polioviren im Abwassersystem entdeckt. In mehreren afrikanischen Staaten kam es ebenfalls zu neuen Ausbrüchen.
Die Entwicklungen werfen Fragen auf: Ist die Krankheit auf dem Vormarsch – und besteht auch für Österreich ein Risiko?
Was bedeutet der Nachweis im Abwasser?
Polioviren werden fäkal-oral übertragen. Sie sind sehr umweltstabil und können daher über Abwassersysteme nachgewiesen werden. Der Fund im Abwasser zeigt, dass sich Personen infiziert haben – auch wenn diese keine Symptome entwickeln.
In New York wurde 2022 nach einem bestätigten Lähmungsfall sogar der gesundheitliche Notstand ausgerufen. Die Behörden reagierten damit auf eine sinkende Impfquote in einzelnen Regionen.
Grundsätzlich gilt: Polio ist eine Erkrankung, die theoretisch ausgerottet werden kann. Voraussetzung ist, dass es keine tierischen Reservoire gibt und ein wirksamer Impfstoff zur Verfügung steht – beides trifft auf Poliomyelitis zu.
Wie gefährlich ist das Virus?
Nur bei weniger als einem von 100 Infizierten kommt es zu den typischen Lähmungserscheinungen. Die Mehrheit der Infektionen verläuft symptomlos oder mit milden Beschwerden.
Das Problem: Auch symptomlose Personen können das Virus weitergeben. Entscheidend ist daher die Durchimpfungsrate. In gut geschützten Gesellschaften kann sich das Virus kaum ausbreiten. Sinkt die Impfquote, steigt das Risiko lokaler Ausbrüche.
Warum treten wieder Fälle auf?
Vor der Corona-Pandemie galt Afrika offiziell als poliofrei. Doch durch Lockdowns, unterbrochene Lieferketten und gestörte Impfkampagnen kam es zu Rückschritten. Impfprogramme wurden verzögert oder zeitweise ausgesetzt.
In einigen Regionen führte dies zu einer Wiederzunahme von Infektionen – sowohl mit dem Wildvirus als auch mit sogenannten Impf-assoziierten Varianten.
Was sind Impfpoliofälle?
In vielen Ländern wird ein abgeschwächter Lebendimpfstoff eingesetzt. Geimpfte Personen scheiden das Impfvirus vorübergehend aus. In Regionen mit niedriger Impfquote kann dieses Virus weitergegeben werden.
In seltenen Fällen kann das abgeschwächte Virus mutieren und als sogenanntes „circulating vaccine-derived poliovirus“ (cVDPV) erneut Erkrankungen auslösen. In gut durchgeimpften Bevölkerungen stellt das kein Problem dar. In Gesellschaften mit Impflücken hingegen kann es zu Ausbrüchen kommen.
Wie ist die Lage in Österreich?
Der letzte Fall von Kinderlähmung in Österreich wurde 1980 registriert. Das ist das Ergebnis konsequenter Impfprogramme.
In den vergangenen Jahren ist die Impfbereitschaft jedoch in bestimmten Bevölkerungsgruppen zurückgegangen. Damit wächst der Anteil ungeschützter Personen. Experten weisen darauf hin, dass mit sinkender Durchimpfungsrate auch das Risiko einer Wiedereinschleppung steigt – insbesondere in einer global vernetzten Welt.
Derzeit besteht in Österreich keine akute Gefährdungslage. Die Situation zeigt jedoch, wie stark öffentliche Gesundheitssicherheit von stabilen Impfprogrammen abhängt.
